KNX – ja oder nein? Entscheidungshilfe für Bauherren

Früher oder später steht jeder Bauherr vor dieser Frage. Bussystem? KNX? Was ist das? Lohnt sich das?

Daher hier der ultimative KNX Guide für Dummys und Bauherren, die noch nicht viel wissen, aber eine fundierte Entscheidung treffen wollen.

Was ist ein Bussystem

Ein Installationsbus oder Bussystem ist eine zeitgemäße Elektroinstallation für Häuser. Firmen und Gewerbegebäude werden heute kaum noch ohne Bussystem ausgestattet, bei Privathäusern fällt das Bussystem manchmal dem (falschen?) Spargedanken zum Opfer.

Bussysteme werden heute überall verwendet. Autos, Flugzeuge, Firmen, U-Bahnnetze, Computerperipherie egal was, alles wird über Bussysteme gesteuert. Prinzipiell ist ein Bus eine gemeinsame Datenübertragung für mehrere Teilnehmer. Es können also Busteilnehmer (KNX Geräte) über eine einzige Leitung miteinander kommunizieren. Dies geschieht über (wie heute üblich) digitale Nachrichten.

KNX-Geräte sind z.B. Schalter, Bewegungsmelder, Wetterstationen (auf der Sensorseite) oder auch Schaltaktoren (die schalten ein Licht ein oder aus), Rollladenaktoren, Motoren usw. (auf der Aktorenseite). Alle diese Geräte sind mit einer KNX-Busleitung verbunden und unterhalten sich über diese.

Nun wird z.B. ein Schalter so programmiert, dass er eine Meldung ins Netz schickt die etwas lautet: „Schalte das Licht 12 aus.“ Die Busgeräte erkennen an Adressen genau welche Nachrichten sie etwas angehen und welche nicht. Während also der Lichtschalter im Wohnzimmer diese Meldung einfach ignoriert, gibt es irgendwo im Haus ein Gerät (in diesem Fall ein Schaltaktor), der erkennt dass diese Meldung ihn etwas angeht. Über ein Relais schaltet es Licht 12 aus. So einfach ist Bussystem. Es wird (wie gerne fälschlich angenommen) keine zentrale Steuereinheit benötigt. Jedes KNX Gerät sendet und empfängt selbstständig. Einen zentralen „Server“ braucht man nur für erweiterte Anwendungen.

Wo liegen die Unterschiede zu konventioneller Verkabelung

Früher hat ein Schalter ein Licht geschalten. Um das zu erreichen hat man einfach einen Stromkreis gebaut, in dem der Schalter integriert war. Also etwas so:

Stromkreis konventionell
Konventionell Schalter – Licht

Das ganze mit KNX Bussystem sieht etwas anders aus. Der Schalter hängt an der KNX Leitung, die durchs ganze Haus verlegt ist. Der Schaltaktor kommt im EFH üblicherweise in den Schaltkasten. Von dort wird dann die Lampe ein- und ausgeschalten. Sieht also etwa so aus:

KNX Stromkreis
KNX – Schalter – Licht

Eigentlich beides recht überschaubar und beim KNX System kein Vorteil zu erkennen. In Zeiten steigendem Wohnkomforts hat man in großen Räumen normalerweise mindestens zwei Schalter, gerne auch mehr. Außerdem sind die Zeiten vorbei, wo man ein Licht über dem Tisch hatte und das wars. Man hat indirekte Beleuchtung, Wandstrahler, Fernsehlicht usw. Haben wir nur eine Lampe von 2 Stellen im Raum bedienbar haben wir folgende Situation:

2 Schalter
Vergleich KNX-konventionell mit 2 Schaltern

Zwischen den beiden Schaltern im konventionellen Schema müssen also 2 Leitungen gelegt werden. Nebenbei erwähnt müssen diese Leitungen die in Haushaltsinstallationen übliche Stärke haben, während das KNX Kabel nur aus ganz dünnen Litzen besteht. Alles über 3 Bedienmöglichkeiten kann mit Kreuzschaltern oder mit Tastern und Relais gelöst werden.

In einem heute üblichen Wohnzimmer mit 3-5 Lampen, 2-3 Bedienmöglichkeiten und mehreren Verschalungen ergeben sich unglaubliche Kabelmengen, die quer durchs Haus gelegt werden müssen. Insgesamt kann man klar festhalten, dass eine KNX Installation um Welten einfacher, übersichtlicher und strukturierter ist. Wer das bestreitet hat keine Ahnung. Wer schon einmal versucht hat eine konventionelle Verkabelung zu reparieren, ohne die Verlegung zu kennen, weiß wovon die Rede ist. KNX ist völlig einfach und strukturiert.

Wesentlich ist aber, dass die Verkabelung vom Prinzip völlig verschieden ist. Somit ist die Entscheidung ob konventionell oder Bus eine Entscheidung fürs Leben. Nachrüstvarianten zum Teil über Funk etc. wurden entwickelt, weil man natürlich Kunden mit bestehenden Häusern ebenfalls gewinnen will, aber das ist reine Notlösung. Die sinnvolle Variante ist die Busverkabelung von Grund auf.

Vorteile von KNX

Neben der deutlich einfacheren Installation kommen aber jetzt die wahren Stärken von KNX ins Spiel:

Bessere Optik von KNX

GIRA - mehrfachtasterEin KNX-Mehrfachtaster wie links abgebildet hat die Größe von 2 herkömmlichen Schaltern. Mit diesem Taster können sie z.B. 6 Lampen und 6 Aussenjalousien vollständig steuern. Bei einer konventionellen Verkabelung brauchen sie dazu etwa 9 Doppelschalter. Legen sie mal 9 Schalter übereinander und überlegen Sie ob Sie so etwas im Wohnzimmer an der Wand haben wollen.

Die Schalter können über LEDs anzeigen ob sie an oder aus sind.

Man kann die Schalter in der Nacht dezent beleuchten.

Man kann auch andere Statusmeldungen über die LEDs anzeigen. Wie Garagentor offen etc.

Viele Schalter haben gleich ein Thermometer integriert worüber man Heizung, Lüftung etc. steuern kann.

 

Flexibilität von KNX

Eine kleine Aufzählung von nachträglichen Änderungen, die mit KNX kein Problem sind, konventionell ohne Stemmarbeiten aber kaum zu lösen sind.

  • Sie wollen von einem Schaltfeld ein anderes Licht schalten können
  • Sie wollen mehrere Lichter mit einem Tastendruck ausschalten
  • Sie wollen einen Schalter mit mehr Schaltplätzen, oder auch ein LED Display
  • Sie wollen im Wohnzimmer alle Rollläden sämtlicher Schlafräume auf und zu machen
  • Sie wollen mit einem Tastendruck alle Lichter in den Kinderzimmern abdrehen
  • Sie wollen später doch noch eine Alarmanlage, einen Türöffner etc.
  • Sie wollen ein Licht, das bisher nur zum Schalten war jetzt auch dimmen
  • und und und

Solche Änderungen sind eine Kleinigkeit in einem KNX System. Konventionell müssen Sie vor Bau festlegen welche Taste was machen soll und das wars dann. Wer also das bliebte Argument „Ich brauch keinen Bus, weil ich muss nicht im Urlaub am Strand das Klolicht abschalten.“ verwendet, der hat keine Ahnung was KNX ist. KNX ist endlos flexibel und adaptierbar und wer meint, dass das nötig ist kann auch am Strand das Licht im Klo abschalten.

Die Nerd-Funktionen von KNX

Ja es gibt auch die Nerd-Funktionen, wie weit man diese (im EFH) benötigt und will, kann jeder selber entscheiden und vor allem kann man praktisch alle auch nachrüsten. Es gibt Visualisierungen, Schnittstellen für Tablet und Handy, Anbindungen an Datendienste im Internet, man kann Alarmfunktionen verbinden, SMS Benachrichtigungen schicken lassen, auf Knopfdruck alle Lichter im Haus ausschalten, die Farbe der RGB Beleuchtung an die Aussentemperatur anpassen, die Bewässerung erst einschalten, wenn man die Terassentüre schließt usw. usw. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Wer das also toll findet kann tatsächlich am Strand in Spanien das Licht am Klo ein und ausschalten.

Wertbeständigkeit der Immobilie

Ein Haus zu bauen kostet leider eine Menge Geld. So versucht jeder Bauherr einzusparen wo es irgendwie geht. So gab es zu allen Zeiten Einsparpotential. Lange machte man nur 5 cm Vollwärmeschutz, weil das Styropor so teuer war, dann machte man keine Fußbodenheizung, weil Heizkörper billiger waren, in den ganz gräßlichen Zeiten verlegte man Laminatböden, statt Parkettböden. Dann hatte man das Auto ohne Klimaanlage (davor ohne Servolenkung) usw.

Ja und heute verzichtet man auf Bussystem und Wohnraumlüftung. Stellt sich nur die Frage ob ein Haus in 20 Jahren ohne Bussystem nicht als veraltet angesehen wird. Immobilien die technisch veraltet sind büßen viel an Wert ein. (Schauen Sie sich mal ein 20-30 Jahre altes Haus an, in dem es keine Fußbodenheizung gibt, das einen HBW von 130 hat, Ölheizung und Laminatböden. Damals wars ein wenig billiger, heute ist es dafür kaum mehr was wert.) Vielleicht lohnt sich die Investition in KNX auch mal.

Standardisierung

Es gibt eine Unzahl von Bussystemen und proprietären Spielereien. Nach ca. 30 Jahren Bussystemen haben sich aber doch einige Systeme durchsetzen können, andere nicht. An ernsthaften Bussystemen gibt es im europäischen Bereich eigentlich nur noch KNX. KNX hat sich aus den damals 3 größten Systemen EIB, Batibus und EHS gegründet. Das in Amerika nach wie vor nicht unbedeutende X10 System ist technisch nicht mit KNX zu vergleichen. In Europa hat es zum Glück keine besondere Bedeutung erlangt. Ja und dann versuchen einzelne Hersteller eigene Systeme auf den Markt zu bringen, was ich als Bauherr völlig ausschließen würde.

KNX ist ein „relativ“ offener Standard. Relativ deswegen, weil die KNX Organisation für Spezifikationen, Mitgliedschaften, Software usw. ordentlich Geld verlangt. Die KNX Association wird auch gerne heftig dafür kritisiert. Allerdings hat sich auf Grund dieser strengen Regeln ein absolut stabiles System auf technisch höchstem Niveau entwickelt. KNX Geräte sind wirklich kompatibel zueinander und nicht so wie man das aus anderen Bereichen kennt. KNX läuft wirklich fehlerfrei. Wer will schon ein System wo das eine oder andere Gerät immer wieder mal abstürzt. So etwas gibt es bei KNX kaum.

Nachdem mittlerweile die meisten Hersteller KNX als den Standard akzeptiert haben, wird die Zahl der Hersteller immer größer, die Preise niedriger. Die Entwicklung ist vielversprechend.

Es gibt andere Busse, die sinnvoll gemeinsam mit KNX eingesetzt werden können. Hier seien als wichtigste DALI und 1-Wire. Diese machen als Subnetze durchaus Sinn, wenn es komplizierter wird. Im EFH wird man sie meist nicht benötigen und sie sind kein Ersatz für KNX, sondern Ergänzung.

Nachteile von KNX

Keine Sonne ohne Schatten. Was sind die Nachteile von KNX.

Kosten eines KNX Systems

Der wichtigste Nachteil eines KNX Systems ist natürlich der Preis. Aus oben gesagtem ergibt sich, dass KNX Geräte relativ intelligent sein müssen. Ein Schalter muss in der Lage sein komplexe digitale Informationen zu senden und zu empfangen, nicht nur 2 Kabel kurzschließen. Jedes KNX Gerät ist ein kleiner Computer, der noch dazu sehr strengen Reglementierungen und höchsten Standards unterliegt, damit er Jahrzehnte fehlerfrei läuft. Das kostet.

Hier sollte man die Sache allerdings auch differenziert betrachten. Ein Basis-KNX System, das später beliebig erweitert werden kann kostet keine Unmengen. Man erspart sich viel bei Verlegung, Kabeln etc. So sind KNX Installationen auch in recht vernünftigem Preisrahmen zu realisieren. Problem sind hier eher Installateure, die wenig flexibel sind oder KNX noch nicht so gut kennen und daher auch nicht gerne verlegen. Sollte Ihnen also der Elektriker sagen „Was Bussystem, da rechnen sie mal 20.000 Euro mehr!“, dann suchen sie sich einen anderen Elektriker, weil dieser offensichtlich keine Ahnung von KNX hat.

Programmierung des KNX

Das KNX System muss programmiert werden, das ist richtig. Eine Erstprogrammierung dauert für ein EFH bei einem erfahrenen Systemintegrator ein paar Stunden, die man bezahlen muss. Eine Änderung geht dann schnell. Natürlich kostet das jedes Mal Geld, wenn man es vom Elektriker machen lässt, aber immerhin hat man die Möglichkeit einer Änderung, was anders nicht der Fall wäre. Mit diesem Blog kann man aber auch lernen selber Änderungen vorzunehmen, wer das will…

Fehleranfälligkeit

KNX Geräte unterliegen sehr strengen Standards. Sie sind alle in höchster Qualität gefertigt und ich hab in 6 Jahren KNX Verwendung mit intensivem Umprogrammieren und technischen Spielereien noch kein einziges kaputtes KNX Gerät gesehen. Die wilden Geschichten, dass plötzlich Lichter an gehen oder in der Nacht das Garagentor öffnet, kann ich nicht bestätigen. Wenn, dass sind das Logikfehler in Spielereien.

Die Entscheidung KNX vs. konventionell

Suchen Sie sich einen Elektriker, der Ahnung von KNX hat. Wenn er auch noch verschiedene KNX Marken verwendet und hier nicht nur eine Marke unabhängig vom Preis einsetzt, dann hat man schon mal den richtigen Mann. Die Kosten für eine Minimalvariante in KNX sind dann nur unwesentlich höher. Man spart sich Arbeitszeit und Kabel.

Mein Tipp: Wählen Sie KNX! Suchen Sie sich einen guten Elektriker und lesen Sie selber viel. (Zum Beispiel auf diesem Blog)

 

 

 

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*